Texte

 

Eisenschloss und Puppenarm

(Das Wesenhafte des Unbekannten, Ausstellungskatalog, 2014)

„Als Kind war ich einsam und habe viel geträumt. Fremdes, Seltsames, Geheimnisvolles, aber auch Buntes und Glitzerndes haben mich stets gereizt.“ (Woldemar Winkler)

Als Guillaume Apollinaire 1917 den Begriff des „Surrealismus“ prägte, konnte er nicht im Geringsten ahnen, wie weit diese Kunstrichtung bis in die heutigen Tage wirken sollte. Woldemar Winkler hat sich ihr in einer poetischen Ausrichtung mit Haut und Haaren verschrieben und ein zahlenmäßig und inhaltlich außergewöhnlich reiches Werk geschaffen. Die Woldemar Winkler Stiftung der Sparkasse Gütersloh feiert dieses 2014 mit dem 20jährigen Bestehen der Stiftung, die gemeinsam mit dem Künstler ins Leben gerufen wurde.

In den Wunderkammern Woldemar Winklers tritt eine innere Welt zutage, die sich den großen Themen des Lebens widmet: Liebe, Tod, Kampf der Geschlechter, Kindheit, Sexualität, Transzendenz. Die Rahmen mögen sich im Laufe der Zeiten durch das wechselnde Weltgeschehen ändern, die wirklich großen Fragen jedoch bleiben für alle Generationen dieselben. Und so erzeugt die ungewöhnliche Nebeneinanderstellung gewöhnlicher Objekte ein ganzes Sammelsurium an Assoziationen und Gedanken: Eisenschloss und Puppenarm, Kaffeefilter und Kinderzeichnung…  sie alle stehen im Dienst der Kunst, bilden in den zwischen Assemblage, Objekt und Malerei changierenden Werken dieser Ausstellung die Bühne für neue Gedanken, gewähren Einlass in die Gedankenwelt des Künstlers UND des Betrachters. Es ist das freie Spiel mit dem Unbewussten, das neue Erkenntnisse liefert. Eben dieses Spiel war auch Künstlern wie Max Ernst und Paul Klee unerschütterliche Basis ihres Schaffens.

Ein fulminanter Reichtum an Ideen und Formen blickt herausfordernd aus den Werken des Künstlers und der Betrachter fragt sich einmal mehr, warum er sich vor Kunst postiert, welcher Nutzen sich daraus ziehen lässt. Wortgewaltige Titel wie „Aus der Vorratskammer der Phantasie“, „Lass mich meinen Palast auf deinen Flügeln bauen“, „Erregtes Zentrum“ oder „Leise Berührungen und Kontakte“ scheinen eine Richtung zu weisen, doch die Antwort liegt letztendlich im Betrachter selbst. Und wenn er sie findet, verdankt er dies der Fähigkeit des Künstlers, in seinen Werken die richtigen Fragen zu stellen und gleichzeitig eine „Stoffsammlung des Unbewussten“ zur Schau zu stellen, die den Weg dort hin ebnet.

Woldemar Winkler war ein Finder und Erfinder, ein neugieriger Entdecker ohne Scheu vor der eigenen Innenwelt, der sich ein kindliches Staunen bis ins Spätwerk hinein erhalten hat, eng verbunden mit einer lebensbejahenden Einstellung, die sich auch in seinem hohen Alter widerspiegelt. In der Verknüpfung des Verschiedenen ist Woldemar Winkler eine Quelle der Inspiration, ganz im Sinn seiner eigenen Worte:

„Man muss sehen lernen um zu wissen, dass sich solche erschreckende Wahrheiten zuweilen bewusst tarnen und verstecken in allen Kunstrichtungen. Sie wollen vom inneren wissenden Augen entdeckt sein.“

© Sabine Marzinkewitsch M.A., 2014

 

 

Das Gleiche ist nicht dasselbe

(Das Gleiche ist nicht dasselbe, Ausstellungkatalog, 2013)

Alles läuft auf das Eine hinaus. Es kann gar nicht anders sein! Täuschen den Betrachter seine Augen oder sieht er bei Esther Burger immer das Gleiche? Eine von durchsichtigen Streifen verdeckte Bildoberfläche, die den Anschein erweckt, als ginge es hinter der vordergründigen Streifenschicht erst richtig los. Glasklar und doch unklar…

Esther Burgers Bilder verführen den Betrachter zum genauen Hinsehen. Je nach Standpunkt oder Entfernung ändern sie ihre Wirkung, geben Neues preis und erscheinen in einem anderen Licht. Immer aber folgen sie einer linearen Komposition, die manchmal den Anschein erweckt als handele es sich um eine Art „Textbild“, das eine Geschichte erzählt: Wörter, Buchstaben, Figuren, Teile aus der Natur werden sichtbar und schieben eine neue Geschichte an, die im eigenen Kopf entsteht und eine ganze Gedankenwelt ins Rollen bringt.

Gleichzeitig werden diese Geschichten aber auch konserviert, ähnlich dem Gießen von Insekten, Fossilien und anderen Spezies in Kunstharz, das naturkundliche Museen praktizieren, um biologisch Vergängliches für die Nachwelt zu erhalten. Was Esther Burger einmal unter ihren Schichten aus Silikon und Acryl eingefangen hat, das kann so leicht nicht mehr fort, ist dem Zerfall entrissen. Es wurde im besten Wortsinn haltbar gemacht, denn: „Konservieren ist eine Art des Zeigens“, sagt die Künstlerin und spielt in manchen Werken zudem mit der anachronistischen Wirkung von vergilbter Farbe und alten Schrifttypen, als ob Wortfragmente aus vergangenen Zeiten den Sprung in die Jetztzeit geschafft hätten.

Dabei ist sie auch in ihren Themen vielschichtig aufgestellt: Persönliches,  Politisches, Formales klingt an. Und nicht zuletzt spiegelt sich in den linienförmigen Streifen der Gedanke, dass Erinnern als linearer Prozess stattfindet und der Betrachter vor dem Bild fragt sich vielleicht, an welcher Stelle seines eigenen autobiographischen Zeitstrahls er gerade verweilt. Unter der durchsichtigen Oberfläche werden Geschichten erzählt und gleichzeitig verwahrt.

Und deshalb ist in diesem Fall das Gleiche nicht dasselbe. So wie ein Buch nicht wie das andere ist, sind Esther Burgers Werke inhaltlich immer anders, erzählen hunderte von Geschichten, hervorgerufen durch bildliche Elemente, Wörter oder Fundstücke aus der Natur. So breitet sich ein ganz eigener Kosmos an Ideen vor dem Betrachter aus. Vordergründig zeigen die Werke eine durchscheinende Oberfläche und man ahnt: da liegt noch etwas darunter. Die Bilder Esther Burgers kratzen an der Oberfläche von Themen, lassen manches durchscheinen, anderes verdecken sie bewusst. Sie geben eine Ahnung davon, dass die Welt, die uns umgibt „unter der Oberfläche weitergeht“, dass es sich lohnt tiefer zu blicken und neue Aspekte eben dieser Welt zu entdecken.

Auf dies Eine laufen alle Werke Esther Burgers hinaus, aber dieses Eine ist eben nicht mit einem Blick zu erfassen. Das vermeintlich Gleiche liefert mitnichten dieselbe Erkenntnis.

© Sabine Marzinkewitsch M.A., 2013

 

 

Zwiesprache

(Zwiesprache, Ausstellungskatalog, 2017)

„Die Natur ist nicht an der Oberfläche, sie ist in der Tiefe.“

(Paul Cézanne)

Welches Verhältnis zur Natur hat der Mensch des 21. Jahrhunderts? Hat er überhaupt noch eines? Wenn ja, ist es ein eher hybrides?

Michaela Berning-Tournier und Wolfgang Blockus beschäftigen sich in ihrer Kunst seit langem mit dem Thema Natur. Hierin liegt das Verbindende zwischen ihren beiden künstlerischen Positionen. Sie verbleiben dabei nicht an der Oberfläche der Naturdarstellung, sondern fragen weiter in die Tiefe hinein.

Michaela Berning-Tourniers Arbeiten kennzeichnet eine philosophische Neugier, die in unterschiedlichen Bildern und Installationen Ausdruck findet. „Gibt es ein Nichts?“ – Diese Frage taucht in einem ihrer Projekte auf und kennzeichnet die gedankliche Tiefe, in die ihre Werke bei näherer Betrachtung gehen. Naturelle und kulturelle Einwirkungen auf den Menschen werden in ihren Kunstwerken versinnbildlicht. Nicht zuletzt unter dem Focus von menschlichen Schicksalen, die bewegen. Michaela Berning-Tournier zeigt die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und einzelnen Lebensgeschichten auf. Ihre Arbeiten sensibilisieren hinsichtlich eines bewussteren und respektvolleren Umgangs mit der eigenen und fremden Person.

Wolfgang Blockus´ Landschaften sind gekennzeichnet von einer eindrucksvollen Weite. Diese resultiert nicht zuletzt aus einer klaren Aufteilung von Flächen. Die Weite im Bildwerk korrespondiert mit einer ambivalenten Tiefsinnigkeit des bildtheoretischen Hintergrundes seiner Malweise. Natur will hier in ihrer Unvergänglichkeit verstanden werden, was sich auch in einer reduzierten Farbigkeit ausdrückt. Diese ist kennzeichnend für viele Landschaften des Künstlers, der sich selbst als einen Naturmenschen beschreibt. Stille und Erhabenheit stellt sich vor den Bildern von Wolfgang Blockus ein. Der Betrachter wird an sich selbst zurück verwiesen und erlebt eine einzigartige und zugleich universelle Sprache der Natur. Eine Sprache, die in einer zunehmend digitalisierten Welt darauf aufmerksam macht, dass gerade diese technisierenden Einflüsse tiefer in das menschliche Leben eingreifen als je zuvor.

Durch diesen dialogischen Werkansatz entsteht eine bildnerische ZWIESPRACHE zwischen einem Künstlerpaar, das sich mit seinen neugierigen, offenen und kritischen Fragestellungen den üblichen Kategorisierungen entzieht. Der Betrachter erlebt vor den Werken von Michaela Berning-Tournier und Wolfgang Blockus, wie das Auge Einsicht gewinnt, wie es denkt und Korrespondenzen zu bereits Erfahrenem entwickelt. Die ZWIESPRACHE zwischen dem Künstlerpaar greift auf den Betrachter über. Hinter der Bildoberfläche tut sich eine Tiefsinnigkeit auf, die visuelle Erkenntnisse ermöglicht.

© Sabine Marzinkewitsch M.A., 2017

 

Von der Schönheit der Mathematik

(Irene Schramm-Bierrmann – Sichtbare Mathematik, Katalog, 2016)

“The mathematician´s patterns, like painter´s or the poet´s must be beautiful.” (H. Hardy)

Irene Schramm-Biermann thematisiert in ihrem künstlerischen Werk die bildliche Umsetzung mathematischer Gesetzmäßigkeiten. Sie spiegelt in ihren Bildern die Eleganz und Raffinesse dieser Wissenschaft. Die Auseinandersetzung mit den faszinierenden Sachverhalten der Mathematik führt bei ihr zu Bildern, die sich dem Spiel der theoretischen Gedankengänge widmen. Denn wie die Kunst, so appelliert auch die Mathematik an die menschliche Imagination.

Die Künstlerin arbeitet in einem speziellen Bereich,mit  dem sich bislang nur wenige befassen. Ausgangspunkt für dieses Interesse der Kunst an Mathematik kann jedoch bereits im 16. Jahrhundert in Dürers “Melancholie I” gesehen werden, die auf die Lösung mathematischer Probleme referiert.

Kreativität und bildhafte Vorstellungskraft spielen in beiden Disziplinen eine wesentliche Rolle.    Irene Schramm-Biermann verwendet in ihren Werken reine Pigmente mit transparenter oder deckender Wirkung. So entstehen sublime Bilder von poetischer Schönheit, die es dem Betrachter ermöglichen, den dargestellten Sachverhalt intuitiv zu erfassen. Die Arbeiten der Künstlerin wecken eine ungekannte Lust an Kunst und Mathematik, denn: In den Werken von Irene Schramm-Biermann kann man beides – Sehen und Denken lernen.

© Sabine Marzinkewitsch M.A., 2016